Provenienzforschung

Zu den originären Aufgaben der Museen gehört es, sich über die Herkunft (Provenienz) der Objekte Klarheit zu verschaffen. Das Museum für Hamburgische Geschichte erforscht seit 2011 Sammlungsgegenstände, die zwischen 1933 und 1945 erworben wurden und somit möglicherweise unter dem Druck von Verfolgung, finanzieller Ausplünderung und erzwungener Auswanderung insbesondere jüdischer Eigentümer ins Museum gelangt sind.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde „Raub“ staatlich sanktioniert. Dieser Tatsache verschrieb sich 1998 eine internationale Konferenz in Washington. Hier wurden 11 Grundsätze vereinbart, durch die die beteiligten 44 Länder – so auch die Bundesrepublik Deutschland – gezielt für ihre öffentliche Sammlungen Sorge tragen wollen, nach Maßgabe ihrer rechtlichen und tatsächlichen Möglichkeiten, verstärkt nach entzogenem jüdischem Kulturgut zu suchen und anschließend faire und gerechte Lösungen zu finden. Ein Jahr später wurde in der Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände diese Absicht bekräftigt und die Verpflichtung bestätigt.

Auch das Museum für Hamburgische Geschichte fühlt sich verpflichtet, aktiv die Herkunft derjenigen Sammlungsgegenstände zu erforschen und zu dokumentieren, die während der NS-Zeit erworben wurden. Nachdem bereits in den 1950er Jahren erste Anstrengungen in dieser Richtung erfolgt sind, nimmt sie das Museum für Hamburgische Geschichte seit 2011 erneut in den Blick.

Dank der fachlichen und finanziellen Unterstützung des Instituts für Museumsforschung der Staatlichen Museen zu Berlin / Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist es seit August 2011 möglich, den Gemälde- und Silberbestand des Museums auf verfolgungsbedingte Erwerbszusammenhänge hin zu untersuchen. Ziel ist es, eine möglichst lückenlose Besitzfolge der Objekte zwischen 1933 und ihrem Erwerb zu recherchieren und zu dokumentieren. Nicht nur der Verbleib der Besitztümer aus dem Blickwinkel der Verfolgten, auch die Herkunft der Objekte aus dem Blickwinkel der öffentlichen Sammlungen, ist heute vielfach nur noch schwer nachzuvollziehen. Die eigentlichen Erwerbsquellen wurden erfahrungsgemäß oftmals verschleiert. Neben der Kenntnisnahme der Informationen an den Objekten selbst, gehört zur Recherche z.B. das Sichten von Archivmaterial und von Auktionskatalogen.

Dem Museum für Hamburgische Geschichte ist es ein Anliegen, mit der Herkunftsgeschichte die Individualität des Objekts hervorzuheben und gleichzeitig auf die ehemaligen Eigentümer und ihr Schicksal zu verweisen. Die Schaffung der Arbeitsstelle für Provenienzrecherche- und forschung im Jahr 2008 in Berlin und die Freischaltung der Datenbank „Lostart“ für die Auffindung von Such- und Fundmeldungen 2001 sind die guten Rahmenbedingungen für dieses Projekt.

Provenienzforschung zum Fotoalbum mit Objektfotografien aus der Sammlung Remé: “Cabinet de la Reine – Haus Lüttensasel 1935”

Am Museum für Hamburgische Geschichte wird seit August 2014 folgendes kurzfristige Forschungsprojekt betrieben:

Provenienzforschung zum Fotoalbum mit Objektfotografien aus der Sammlung Remé: “Cabinet de la Reine – Haus Lüttensasel 1935”

Im Frühjahr 2014 wurde dem Museum für Hamburgische Geschichte aus dem Dresdner Antiquariatshandel ein Fotoalbum mit Objektfotografien einer bedeutenden Hamburger Privatsammlung angeboten. Es handelt sich um ca. 50 Objekte der Sammlung des Hamburger Notars Dr. Georg Adolf Remé. Diese Sammlung, über die bisher nur sehr wenig bekannt war, wurde im April 1938 im Auktionshaus Lange in Berlin unter dem Namen „Dr. R., Hamburg“ versteigert. Remé gehörte selbst nicht zum Kreis der vom NS-Regime verfolgten Personen. Aus der bisherigen Provenienzforschung am Museum für Hamburgische Geschichte ist inzwischen bekannt, dass er ein guter Kunde des jüdischen Hamburger Kunsthändlers Heinrich Bachrach war. Das Fotoalbum trägt auf dem Einband die Prägung „Cabinet de la Reine – Haus Lüttensasel 1935“. Es ist aber nicht sicher davon auszugehen, dass es – da es sich um lose Kartonblätter handelt – nicht über dieses Jahr hinaus geführt wurde.
Öffentliche Sammlungen – auch das Museum für Hamburgische Geschichte – erwarben auf der Berliner Versteigerung direkt oder indirekt über Zwischenhändler Objekte aus dieser Sammlung.

In den sechs Monaten Forschungszeitraum sollen die Provenienzen der abgebildeten Objekte weitestmöglich erforscht und in Zusammenwirkung mit anderen öffentlichen Einrichtungen deren Verbleib und Zuschreibungen eruiert werden. Im Vordergrund steht aber, mögliche verfolgungsbedingte Veräußerungen aus dem Besitz des Kunsthändlers Bachrach aufzuklären.

Das Projekt wird mit Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien durch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages gefördert.